Klartext: Keinen Bammel vor Gewimmel

 

Vicki Kormesch.: „Weihnachtsverächter, gebt Ruhe. Freut euch einfach auf den Wahnsinn.“ Foto: privat

Von Vicki Kormesch, 21 Jahre

 

Es gibt tatsächlich Menschen, für die Weihnachten nicht die besinnlichste, sondern die geächtetste Zeit des Jahres ist. Diese Menschen werden wiederum von denen geächtet, für die Weihnachten das Größte ist. Sich dazwischen zu positionieren ist nicht leicht – entweder man liebt Weihnachten, oder man hasst es.

 

Wenn die Supermärkte Anfang September ihre Läden mit Schoko­nikoläusen füllen, trennt sich die Spreu vom Weizen. Ab diesem Zeitpunkt machen sich die Weihnachtsverächter auf in die Öffentlichkeit. Ein Freund von mir meinte einmal, er hasse Weihnachten, weil es eine komprimierte Version des Kapitalismus sei. Eine Freundin hasst es, weil es im Winter ist. Mein Lieblingsargument lieferte eine Freundin, die Weihnachtsmänner gruselig findet, und an Weihnachten seien diese Gestalten überall.

 

Weihnachten ist tatsächlich eine schwierige Zeit: all das Gebimmel, all das Gewimmel, überall Verwandte um einen herum, überall riecht es zu stark, zu viel Essen, zu viel Geschrei, zu viel Gesang. Ich selbst bin in dieser Hinsicht besonders herausgefordert: Denn meine Großmutter besteht jedes Jahr auf Gesang, und der ungeschlagene Spitzenreiter ist bei uns leider Michael Praetorius’ viel zu hohes „Es ist ein Ros’ entsprungen“. Und soviel kann ich sagen: Sopranisten sind wir nicht gerade! Das einzige Mitglied meiner Familie, das so hohe Töne produzieren kann, wie es dieses Lied erfordert, ist das Hörgerät meiner Großmutter. Bei hohen Tönen fängt es immer an, Piepsgeräusche in der gesungenen Melodie zu machen.

 

Aber selbst wer mit solchen Situationen umgehen muss, braucht nicht zum Weihnachtsverächter zu werden. Ich zum Beispiel freue mich jedes Jahr am meisten auf diesen schönen Moment, in dem ich am liebsten vor Freude platzen würde. Ich sitze dann da und kann nicht weitersingen, weil ich mir das Lachen verkneifen muss. Der mahnende Zeigefinger und strenge Blick, den ich dafür von meiner Oma ernte, hindern uns beide nicht daran, die Tradition aufrecht zu erhalten.

 

Der Wahnsinn ist das größte an Weihnachten. Man sollte sich entspannt darauf einlassen und nicht beginnen, sich diese Zeit schlechtzureden. Ich wette, dass selbst die härtesten Weihnachtsverächter einen kleinen Moment haben, in dem sie sich dabei ertappen, wie sie heimlich denken, dass doch aller Verachtung zum Trotze am Ende alles schön ist.

 

Ist Weihnachten für euch erträglich?

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