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Zwei Tage beim Film

21.09.2011 in Schülerbeiträge 2011/2012 von JuS-Team


Die Studenten sind in voller Arbeitslust und alle helfen mit, um die Kulisse vorzubereiten. Ein gebräunter Israeli mit Stoppelbart und eine Frau mit Jogginghosen und Pferdeschwanz, kümmern sich um das Licht. Sie wenden die silberne Blende so, dass sie von der Sonne angeleuchtet wird und ihr Licht auf einen grünen Bauwagen zurückwirft. Fünf weitere junge Frauen sammeln zerbrochene dreckige Gläser, rostige Blechstücke und alte Flaschen aus dem Sand, für eine Szene des Kurzfilmes „ Pitch builds a ball and destroys it“ von Udita Bhargava, die in diesen Film Regie führt. Auf dem Dach des klapprigen Wagens liegt eine rothaarige Frau, die wie eine Meerjungfrau mit ihren Wasserkanistern spielt. Udita Bhargava bespricht mit ihr die Szene und gibt dem Kamera-und Tonmann Regieanweisungen. Noch nicht alle scheinen bereit zu sein und die Stimme des Aufnahmeleiters Jerry Spieß ertönt in allen Walkie-Talkies: „ Ruhe bitte, wir dreh´n “. Nun tritt konzentrierte Stille ein. „Ton ab“, „Kamera ab“ – rufen die Auszubildenden für Ton und Kamera. Udita: „Und bitte“. Das rote Lämpchen an der Kamera leuchtet auf und die Szene beginnt. Alles ist ruhig, nur ein paar Vögel zwitschern, Anna Ortmann, die Schauspielerin, nimmt den Faden des Plastikkanisters zwischen die Finger und gießt dann Wasser durch ein Orangen-großes Loch des Bauwagendaches runter. Sie steht auf und blickt sich um. „ Und danke“, alles entspannt sich und das alte Fabrikgelände bei Bad Freienwalde, welches zum Abbau von Ziegelsteinen genutzt wurde, verwandelt sich in bewegtes Getümmel. Vensan Mazmanyan, der Tonassistent, setzt erleichtert die Tonangel, eine lange Stange mit Plüschkopf, herunter und klettert von der Leiter. Während der Szene ist sein Körper angespannt. Er muss die Tonangel über seinen Kopf zur Tonquelle, der Schauspielerin, halten. Er sitzt auf der wackeligen Leiter und klammert sich mit den in Jeans steckenden Beinen fest.

Die Sonne ist geht gerade unter und wirft ihr letztes Licht zwischen die sandigen Hügel hindurch auf das Set. Es ist nicht mehr viel Zeit im Hellen, also müssen man sich beeilen, ihr letztes Licht einzufangen. Melanie Bosch, eine der Ausstatterinnen, bereitet den Boden für die nächste Szene vor. Sie gibt dem Sandboden einen natürlichen Anstrich mit dem Besen, indem sie die Fußspuren verschwinden lässt. Lars Rudolph, einer der beiden männlichen Schauspieler, schlurft auf seine Position und schaut dann in Richtung Bauwagen. Unterdessen werden Tee und belegte Brötchen verschlungen. Jeder hat einen eigenen bunten Becher versehen mit Pflasterstreifen als Namensschildchen. Das weiße Zelt hat drei geschlossene Seiten und eine offene. Innen hinten liegt ein mit Alufolie beklebter Riesenluftballon, der zwei Meter Durchmesser hat. Daneben steht ein etwa dreimal so kleiner. Beide dienen als Requisiten vom Film. Vorne im Zelt stehen ein Biertisch und zwei passende Bänke. Links an der Seite steht noch ein Biertisch als Buffet. Auf zwei Campingsesseln am Eingang mummeln sich Anna Ortmann und Georg Tryphon, der andere der beiden männlichen Schauspieler, in warme Decken. Die Maskenbildnerin wickelt sich erst ein dünnes Tuch um den Kopf und macht sich dann an die Arbeit, die Schauspieler in Form zu bringen. Sie tupft Georg Make-Up auf Gesicht und Glatze. Seine lange Gestalt hängt wie ein Sack im Sessel. Die noch übrigen Haare an den Seiten des Kopfes werden durch Haarspray gestärkt und gen Himmel geformt. Ihm wird dunkelbrauner Puder auf Wangenknochen und Hals und Hände getupft. Er schließt die Augen.

Während der Umbauten wird schon mal geprobt. Die drei Schauspieler stehen zusammen, Verzahn, in grauer Kapuzenjacke, lässt jazzige Musik laufen. Die drei Gestalten fangen an, jeder auf seine Art, auf die Musik zu tanzen. Anna macht zuckende aber gleichzeitig elegant wirkende Bewegungen, die ans Ballett erinnern. Sie trägt ein bläulich-grün schimmerndes Kleid und keine Schuhe. Ihre Zehen streifen über Staub und Schutt. Lars und Georg joggen langsam zum Beat. Beide haben ein schelmisches Grinsen auf den Gesichtern.

Im Hintergrund hört man Kettensägen jaulen und knackend reißende Geräusche. Die Studenten nehmen den Bauwagen auseinander bis nur noch eine kurze und eine lange Seite auf dem Gestell stehen bleiben. An der noch Stehenden Ecke qualmt es noch von der starken Reibung der Kettensäge. Der Riesenaluball wird auf den Boden des Wagens hinter die beiden Wände gestellt und mit Nylonfäden festgemacht.

Jetzt ist die Sonne komplett verschwunden, doch ein großer Scheinwerfer beleuchtet die schwirrenden Gestalten. Wie Mondlicht. Nur der Mond ist heute Nacht so mager, dass man ihn kaum sieht.

Tobias Kerl und Phillip Meise, ein Löwenmähniger mit breitem Grinsen und ein langer, schlaksiger Typ, ziehen ein Seil durch die Fenster der Wagenwände. Lars knotet beide Enden zusammen, sodass er dann in der nächsten Szene die nur noch an der Ecke befestigten Wände runter reißen kann. Er will seinen beiden Freunden damit seine neue Welt präsentieren, nämlich seinen Aluball. In der Geschichte fängt er an, diesen Ball zu bauen, bis er am Ende so groß ist, dass er die Decke des Wagendaches zerstößt.

Die kalte Nachtluft beginnt an den Beinen hochzukriechen.

Es ist 00.14 Uhr und sie beginnen zu drehen. Das Budget der Crew beträgt ca. 7.000€ und neun Filmrollen, um den zwanzig-minütigen Film zu produzieren. Da alle Filmrollen aber schon verbraucht sind, müssen noch welche aus eigener Tasche dazugekauft werden. Ines Schiller lässt den Motor an und schleicht holpernd über den Hubbelsandweg runter zur Hauptstraße. Die dunklen Haare sind im Nacken zu einem Zopf gebunden. Die blass-rote Strähne vorne im Pony ist hinters Ohr gestrichen. Der Schlüsselbund rasselt auf der unebenen Straße im Rhythmus des wackelnden Autos. „Fast jeder von uns macht einmal einen Film mit Unterstützung einer Crew und wenigen professionellen Helfern“, erzählt sie über einen Teil der Ausbildung an der Hochschule für Film und Fernsehen. „Bei einem Film machst du zum Beispiel Bühnenbilddesign oder du bist an der Kamera oder sowas. Dann musst du selber den Film machen. Du denkst dir die Story aus und führst Regie noch dazu.“ Nies’ Aufgabe ist es mit noch zwei anderen Helfern alle mit Essen zu versorgen. Sie holt jetzt das gekochte Chilli con Carne vom Haus und bringt es den Anderen.

Währenddessen wird weiter gedreht. Die Szene ist jetzt anstrengend für alle. Es gab noch keine richtige Pause für alle und sie sind sehr hungrig. Weil Udita noch nicht zufrieden ist, wird so lang weiter gedreht, bis die Szene im Kasten ist. Die letzten sind noch bis fünf Uhr morgens mit Abbau beschäftigt.

Die Sonne scheint. Es ist der letzte von sieben Drehtagen. Um drei Uhr trifft auch der letzte ein. Lars Rudolph trägt sein Kostüm, das aus klobigen Lederschuhen, ausgebeulten Cordhosen und einem oliv-grünem Flatterhemd besteht. Sein Oberkörper ist ein wenig nach vorne gebeugt und er schlurft mit den schweren Schuhen zum Zelt. Alle anderen sind schon da. Die Leute die im Zelt sind begrüßen ihn fröhlich. Der heutige Tag wird ohne Bauwagen stattfinden. Er wird noch gänzlich zerkleinert und abgetragen.

Ein Minibus fährt vor. Kurz bevor er am Wagengestell ankommt, bleibt er stecken. Die Reifen drehen durch und Sand spritzt hoch.

Hilfsbereite schieben das Auto aus dem Sand. Wenn der Minibus es noch nicht mal schafft sein eigenes Gewicht vorwärts zu bewegen, wird er es erst recht nicht mit einem Anhänger schaffen. Tobi fordert alle Hilfskräftigen dazu auf, das Wagengerüst auf den Sandweg zu schieben. Alle rennen zum Wagen bis auf drei Personen. Diese drei Schauspieler sitzen träge in ihren Sesseln und gucken dem Geschehen zu. Eine der Ausstatterinnen kommt als letzte dazu gehumpelt, da sie gestern barfuß in einen Stock getreten ist. Der Wagen schiebt sich erst langsam voran. Die Körper drücken gegen das Gefährt und wuchten es mühselig vorwärts. Als die Menschenmasse an Kraft gewinnt, wird es leichter den Karren zu bewegen. Aus der Kuhle draußen, stellt sich das Ächzen der Arbeitenden Stück für Stück ein. Einige Glieder der Schubkraft lösen sich und überlassen es den anderen. Für die Übrigen ist es jetzt trotzdem sehr leicht das Gefährt zu schieben, die Masse rennt und verschwindet aus dem Blickfeld.

Das Geschehen geht weiter. Die letzte Szene mit Anna Ortmann wird besprochen. Sie muss nämlich in spätestens eineinhalb Stunden weg sein. Ihr Flieger nach Wien geht um 21.27 Uhr von Berlin Tegel. Die Sonne brennt auf der nackten Haut und viele kommen ins Zelt um sich dick mit Sonnencreme einzuschmieren.

Die letzten drei Szenen sind alle mit nur einem Schauspieler. Anna ist als erstes dran. Als sie abfährt, bereitet sich Lars auf seine Szene vor. Bei ihm dauert es länger als normalerweise. Er braucht vier Versuche, bis es endlich klappt. Als er fertig ist, wird noch ein „nur Ton“ gemacht, um Geräuschfrequenzen noch besser bearbeiten zu können. Georg ist als letzter dran. Die Szene findet am Hang einer Sanddüne statt. „Und bitte“ sagt Udita, die als Regisseurin immer bei allen Szenen dabei ist. Er kriecht fast auf allen Vieren den Hang hinauf. Er streicht sich mit dem Ärmel über die Stirn den Schweiß weg. „Und danke“ sagt Udita. Georg ist abgedreht und kann sich jetzt umziehen. Er lächelt glücklich und erschöpft. „Hach bin ich froh wieder nachhause zu können. Endlich wieder meinen guten Schwarztee zu trinken und das Gefühl von zuhause zu haben. Auf Reisen trinke ich nämlich immer nur Pfefferminztee.“

Für die Auszubildenden ist die Arbeit aber noch längst nicht vorbei. Sie müssen sich noch um den ganzen Abbau des aufwendigen Filmdrehs kümmern.

Es ist eine sehr interessante Erfahrung für einen Außenstehenden, bei Dreharbeiten dabei zu sein, denn normalerweise sieht man nur den fertigen Film auf dem Bildschirm oder im Kino und mitzukriegen wie viel Konzentration und Anstrengung es kostet, ist sehr beeindruckend. Der Hintergrund eines Filmdrehs ist so viel größer, als man normalerweise sieht.

Freie Waldorfschule Kreuzberg | Lola Rudolph | Klasse 10


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