Nein, darum geht es hier nicht!
29.11.2011 in Schülerbeiträge 2011/2012 von JuS-Team
Eine Reportage aus dem Amtsgericht
Berlin – Ich gehe die steinernen Stufen des herrschaftlichen Hauses in Weißensee hoch. Ich öffne einen Flügel der alten schweren Holztür und stehe in der Eingangshalle des Amtsgerichts Pankow-Weißensee.
Hinter einer Glasscheibe beobachtet mich ein Sicherheitsbeamter, während ich die Sicherheitskontrolle passiere. Ich bin drin! Der Gerichtssaal 110 liegt im ersten Stock am Ende einer Halle. Das riesige Gebäude wirkt menschenleer. Nichts ist zu hören, außer ein paar Schritten auf dem Marmorboden. Die Tür steht noch offen. Die Angeklagte sitzt schon zusammengesunken auf ihrem Stuhl, etwas nach hinten gerückt. Neben ihr hat der Rechtsbeistand der Anklage Platz genommen – in Anzug und Krawatte. Der Richter in weißem Hemd, weißer Krawatte und schwarzer Robe kennt die beiden Gegenüber schon, die Verhandlung läuft seit 8 Monaten. Er fängt direkt an. Die Angeklagte ganz in schwarz gekleidet, zwei Piercings im Gesicht antwortet stockend und unsicher auf seine Frage. Der Richter blockt direkt ab: „Nein, darum geht es hier nicht!“ Eigentlich geht es hier nämlich um eine Räumungsklage. Die Gegenseite will endlich die rückständige Miete sehen. Gelangweilt schaut der Anwalt der Gegenseite im Raum herum. Er kommt gar nicht zu Wort. Nach 15 Minuten ist die Verhandlung vorbei. Der Richter diktiert einige Sätze ins Protokoll. Man wird sich in wenigen Wochen im Saal 110 wiedersehen.
Es geht nahtlos weiter. Die Beteiligten des nächsten Falls sitzen schon auf der Bank. Der Richter schiebt den einen Aktenstapel zur Seite und holt sich den nächsten heran. In unveränderter Ruhe stellt er Fragen zum nächsten Fall: ein schiefgegangener Wechsel des Telefonanbieters. Die Angeklagte ist um die 40, gepflegte Garderobe, sie ist mit einem Anwalt erschienen. 5,50 € stünden ihrem alten Vertragspartner noch zu – behauptet jedenfalls die Gegenseite. Der Richter fragt tief nach. Es geht ein bisschen hin und her. Wieder ist nach 15 Minuten Schluss.
Die Parteien des nächsten Falls setzten sich, es geht nahtlos weiter. Der Richter sitzt gelassen auf seinem Drehstuhl und spielt an seiner Brille herum, während er den Anwalt des Klägers mit Fragen durchlöchert. Der angeklagte Ebay-Verkäufer sitzt schweigend auf seinem Platz und schaut herum. Er soll laut Anklage sein iPhone 3G S mit Kratzern und kleinem Gehäusebruch, die er nicht angegeben hat, verkauft haben. Der Kläger fordert 50 € Schadensersatz. „Ich kann keine Anzeichen von Kratzern erkennen und das hier soll ein Gehäusebruch sein?“ fragt der Richter scharfsinnig. Der Anwalt des Klägers wirkt sauer und fassungslos, er will es nicht einsehen. Mit einer ironischen Verbeugung verlässt er den Gerichtssaal 110. Der Verhandlungstag mit 9 Fällen ist vorbei.
Ich verlasse den Saal. In der Halle ist es wieder still meine Schritte hallen nach und es ist menschenleer, außer den Sicherheitsbeamten hinter der Glasscheibe. Ich gehe durch ein Drehkreuz, öffne die schwere alte Holztür und auf einmal ist es warm und hell. Vogelgezwitscher, Autos, Menschen … Ich gehe die steinernen Stufen runter und das normale Leben geht weiter, als ob nie etwas gewesen wäre.
Freie Waldorfschule Kreuzberg | Johannes Ziebarth | Klasse 10






