Fatcaps, Schweiß und Wachschutz
29.11.2011 in Schülerbeiträge 2011/2012 von JuS-Team
„Runter, Bahn kommt!“
Hektisch sieht man drei maskierte Gestalten unter einem alten rostigen Güterzug verschwinden. Ca. fünf Meter neben ihnen rauscht eine gelb-rote S-Bahn vorbei. Hinten steht leuchtend S1 Oranienburg drauf. Als die Bahn ratternd verschwin-det, kriechen die Jungs wieder unter dem Zug hervor. Man erkennt sie nur schemenhaft, da das Abstellgleis auf dem der Güterzug steht, nur in schwaches, flimmernd gelbes Licht getaucht ist. Zwei der drei Jungen machen sofort wieder das, was sie, bevor die S-Bahn kam, gemacht haben: Sie sprühen Graffiti an einen Zug. Der dritte der Jungs flucht leise vor sich hin, da anscheinend etwas nicht stimmt. “Hat ma’ einer noch ‘n Skinnycap für mich, meins is’ verstopft!?“ Der Mittlere, gibt ihm eins.
Man ist wie im Trance.
Alle Wahrnehmungen strömen auf einen ein: Man hört nur ganz leise das permanente Summen der Stadt und das Rauschen der Fatcaps. Dieses wird manchmal vom Klackern der Sprühdosen unterbrochen. Es riecht stark nach frischem Lack und nach Schmieröl. Trotzdem riecht man noch einen Hauch Sommernacht. Langsam erkannt man, was auf dem Zug entsteht. Es sind Buchstaben und eine Figur. Plötzlich hört man ganz nah eine Sirene. Die Jungs halten einen Moment inne. Einer flüstert, es ist nur ein Krankenwagen. „Mh, hast recht, ist zu schrill für ‚‘ne Bullenkarre“, sagt ein anderer.
Plötzlich wieder das Rattern einer S-Bahn. Kurz bevor es zu spät ist und der Bahnfahrer sie sehen kann, hechten die Jungs unter den Güterwag-gon, den sie ansprühen. Einer schimpft, weil ihn seine Skimaske nervt: „Ich schwitz voll unter meiner Dreiloch!“ Der Längste von den Sprühern witzelt leise zurück, dass der andere sich wohl das falsche Hobby ausgesucht hat.
Der Zug ist weg und die drei kommen wieder unter dem Wagen hervor gekrabbelt. Einer der Gestalten sagt, dass er gleich fertig ist. „Ich hab’s auch gleich.“ sagt der in der Mitte. Jetzt erkennt man das gesamte Bild. Es sind große silberne Buchstaben. Sie glänzen leicht im schwachen Licht einer weit entfernten Lampe. Die Schrift ist erst mit schwarzen und dann mit giftgrünen Linien umrandet. Links sieht man eine leckgeschlagene gelbe Tonne mit Atomzeichen, aus der die grünen Linien zu kommen scheinen. Rechts ist eine Figur mit Mütze und Kalaschnikow zu sehen. Neben ihrem Kopf ist eine Sprechblase, in der steht: Atomkraft stoppen, jetzt! Nachdem noch ein paar Details verbessert wurden, sagt einer, dass sie jetzt besser den „Abgang“ machen sollten. Auf einmal, sagt der, der sich mit einem schwarzen Halstuch maskiert hat: “Als ob, schon wieder ‘n Fuchs!“ Bei etwa 8 von10 aller nächtlichen Aktionen – so die Jungs – sehen sie einen echten Fuchs.
Jetzt ist Hektik angesagt! Die Sprüher agieren schnell. Während einer noch Fotos macht, raffen die anderen ihre Dosen zusammen. Der mit dem schwarzen Tuch vor dem Gesicht, lacht noch leise über den Fuchs, der wenige Meter von ihnen über die Gleise schleicht und sagt, dass das ihr Schutzengel sei.
Schnell schnappen sich die drei ihre Taschen und Rucksäcke und ren-nen direkt auf den Schienen in Richtung des nächsten Bahnhofs. Sie überspringen jede zweite Schwelle und laufen sicher, trotz Dunkelheit, als hätten sie das schon hundertmal gemacht. Man hört ihr Schnaufen, das Rascheln der Regenjacken und das Klappern in ihren Rucksäcken. Ab und zu klackern die Steine im Gleisbett.
Die Jungs nähern sich einem Bahnhof. Einer reißt sich seine Maske ab. Er hat gestern schon auf dem Bahnhof alles gecheckt .Keine Kameras, kein Bahnhofsvorsteher. Die anderen folgen seinem Beispiel. Drei ganz normale Jungs. Die Jugendlichen klettern auf den hinteren Teil des Bahnhofes, der nicht überdacht ist. Sie laufen schnell auf dem Bahnsteig lang.
Plötzlich halten sie inne, vor ihnen steht Sicherheitspersonal: Security!
Zwei sportliche, uniformierte Männer mustern die Jungendlichen skeptisch. Drei verdreckte Jugendliche mit verdächtig klappernden Rucksäcken, die genau wie ihre Kleidung voll mit bunten Farbflecken bekleckert sind. Bemüht unauffällig schieben sie sich an den Männern vorbei, hören aber, dass einer der beiden in sein Walky-Talky raunt: „Verdächtige Personen auf dem Bahnsteig“ Schnellstens verlassen sie den Bahnsteig und verstecken sich in der Nähe des Bahnhofes. Schnaufend und keuchend hocken die drei nun hinter einem Busch in einem fremden Vorgarten. Aus dem Schnaufen wird leises Lachen.
GLOSSAR
Cap – Sprühaufsatz für eine Farbsprühdose
Skinnycap – Cap für feine Linien
Fatcap – Cap für breite Linien und Flächen
Dreiloch – Skimaske mit drei Löchern
Interview mit einem Writer:
Florian: Stellst Du dich bitte mal vor?
Dennis W.: Hallo, ich bin Dennis, 30 Jahre, aus Berlin, Ladenbesitzer.
F: Welche Ausbildung hast du?
D: Ich bin Mediengestalter, Gestaltungstechniker, Fachrichtung Grafik.
F: Hast du früher schon gemalt?
D: Ja, na klar!
F: Malst Du immer noch?
D: Ja! Einer, der mal Graffiti gelebt hat, kommt da nicht mehr richtig von weg und will es eigentlich immer machen. Man hat es im Blut. Es ist aber schwer zu finanzieren. Deswegen muss man mehr arbeiten, kommt weniger zum Malen und das Hobby bleibt auf der Strecke. Ich bin ja kein Auftragssprayer, sondern Hobbymaler. Ich spray nur noch legal.
F: Was war früher für dich der Antrieb, warum hast du illegal gemalt?
D: Heute denke ich anders, aber damals waren die klassischen Gründe: Man will sich abheben von anderen. Man sucht Anerkennung. Man findet sich toll, wenn man mit seiner Arbeit wiedererkannt wird. Dieses Gefühl will man dann öfter haben. Man will in der Szene anerkannt werden und schaukelt sich in diesem Gefühl hoch. Jeder Jugendliche sucht Anerkennung. Andere bekommen ihre Anerkennung über Sachen wie Schule, Instrumente und Sport. Solche wie wir, über Graffiti.
F: Wie verbindest du jetzt Hobby und Arbeit?
D: Heute bin ich ein Händler und verkaufe Werkzeuge für Graffiti, Lektüre darüber, Stifte und T-Shirts.
F: Wie stehst du zum Thema Sachbeschädigung in Bezug auf Graffiti?
D: Ich finde längst nicht mehr alles schön, was ich heute in der Stadt sehe. Aber da ich selbst gemalt habe, kann ich jeden 16-jährigen verstehen, der seinen Namen ir-gendwo hinschmiert, der zeigen soll, dass er hier war. Wenn aber jemand wirklich schöne Bilder macht, Qualität zeigt, dann ist das für mich keine Sachbeschädigung.
F: Was macht einen guten Writer aus?
D: Wenn man nicht nur Masse macht, sondern wirklich Qualität zeigt … Das Problem ist heute, dass die Jugendlichen nicht genug üben wollen, sondern gleich nach draußen gehen, statt 3-4 Jahre an legalen Wänden zu üben und dann erst mit guten Sachen nach Draußen zu gehen. Dann würde auch die Öffentlichkeit anders reagieren. Die Gesellschaft möchte nur nicht dieses Geschmiere haben. Zum Glück gibt es noch gewisse Objekte, die außen vorgelassen werden, z.B. Privatautos oder Kirchen.
F: Noch ein Schlusswort?
D: Als Händler bekomme ich viele Vorurteile mit. Aber man muss eigentlich genau hinschauen und dann erkennt man, dass diese Arbeiten so vielseitig sein können, richtige Kunst, ganze Bilder. Die Gesellschaft will nicht nur Buchstaben, die keiner erkennen kann.
Es gibt Maler, die ganz tolle Sachen machen. Man sollte nicht alle über einen Kamm scheren.
Freie Waldorfschule Kreuzberg | Florian Fischer | Klasse 10






