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Bittschön, Bittschön! Herrschaften, nur zwei Euro!

30.11.2011 in Schülerbeiträge 2011/2012 von JuS-Team


Zwei Euro, zwei Euro! Herrschaften, nur zwei Euro! Das aufgeregte Rufen dringt sogar durch den Lärm vorbeifahrender Autos, auf die andere Straßenseite herüber. Menschen lassen sich von den Massen unter einem Schild mit einem orangenen Kamel auf hellgelbem Hintergrund treiben. Darüber steht: „BiOriental, märchenhaft einkaufen“ und in Großbuchstaben: „MAYBACHUFER WOCHENMARKT“.

Die Besucher die sich zwischen den Marktständen hindurchkämpfen, sind unterschiedlich wie Tag und Nacht. Unter ihnen sind ältere, türkische Frauen, die den Familieneinkauf erledigen, türkische Männer, die von ihren Frauen mitgeschleppt werden, Touristen auf der Suche nach dem „wahren Berlin“, junge Frauen und Männer, die Material brauchen, um ihre Kreativität ausleben zu können und ernährungsbewusste Familien, die Wert darauf legen, dass ihr Obst und Gemüse genfrei und regional ist.

Auch Kinder kommen hier nicht zu kurz. Ein kleiner Stand, von einer Plastikplane überdacht, bietet das wahre Schlaraffenland für Naschkatzen. Bunte, herrlich ungesund aussehende Süßigkeiten türmen sich zur Auswahl. Der Geruch von frischem Popcorn, Zuckerwatte und gebrannten Mandeln weht herüber und lässt die vorbeigehenden Menschen für einen Moment ihre Schritte verlangsamen und die süße Luft genießen.

Direkt gegenüber, als ob der Platz des Süßigkeitenstandes mit voller Absicht gewählt worden ist, befindet sich ein kleines, umzäuntes Basketballfeld. „Kinderspielplatz“ steht auf dem Schild davor, doch einladend sieht es nicht gerade aus. Drei kleine Jungs im Vorschulalter rennen auf dem Feld hin und her und spielen Fangen, ihnen scheint es herzlich egal zu sein, dass der Spielplatz etwas leer und trostlos wirkt. Ausgelassen toben sie über den Platz während ihre Mütter wahrscheinlich gerade den Wocheneinkauf erledigen.

Ein paar Stände weiter beugt sich ein Türke mit verstrubbelten schwarzen Haaren und Drei-Tage-Bart konzentriert über ein Preisschild. Vorsichtig schreibt er mit einem roten Edding das Angebot darauf. Er trägt ein dunkelblaues Hemd mit einem weißen T-Shirt darunter und um sein linkes Handgelenk ist ein Lederarmband geknotet. Sein rechter Zeigefinger ist in einem Plastiküberzug, vermutlich um eine Wunde vor Infektionen zu schützen und um den Hygienevorschriften gerecht zu werden. Er bildet eine seltsame Insel der Ruhe, wie er da hinter dem Obst- und Gemüsestand seine gesamte Aufmerksamkeit auf das Preisschild fixiert, während seine Kollegen ihre Ware in gebrochenem Deutsch anpreisen.

Das Obst und Gemüse ist durchweg frisch und überall liebevoll angerichtet, so hängt zum Beispiel eine lange Kette praller, dunkelroter Kirschen unter kleinen LED-Lämpchen, die den Stand zweier Türken beleuchten. Der eine, etwas älter aussehende Mann unterhält sich lachend mit einer Frau mit Kopftuch. Sie erwidert etwas auf türkisch, bevor sie ihr Kilo Tomaten und ihre drei Zucchinis entgegennimmt. Sie scheint für eine Großfamilie einzukaufen, denn ihre fahrbare Einkaufstasche ist prall gefüllt und nach ihrem Gesichtsausdruck zu schließen, sehr schwer. Doch die kleine Frau in dem schwarzen langen Gewand ruckelt ein paar Mal an der Tasche, bis sie sich holpernd in Bewegung setzt und bahnt sich langsam aber zielstrebig einen Weg durch die Menschenmengen.

Der zweitgrößte Markt Berlins ist längst nicht mehr nur national sondern auch international bekannt und mittlerweile ein beliebter Anlaufpunkt für Touristen. Die Hauptsprachen auf dem Maybachufer-Markt sind zwar immer noch Türkisch und Deutsch, doch wenn man aufmerksam hinhört bemerkt man auch Engländer, Italiener und Franzosen, die interessiert über den Markt schlendern.

Gabriele Gericke ist seit zwölfeinhalb Jahren jeden Dienstag und Freitag auf dem Maybachufer Wochenmarkt. Ihr gehört ein Stand, der überwiegend regionales Gemüse verkauft, wenn es die Jahreszeit erlaubt. Auf einem Schild steht: „Gemüseanbau Ulrich Gericke, Berlin Rudow“, darunter liegen Kartoffeln, Möhren und etliches anderes Gemüse, verschiedener Form und Größe. Es sieht natürlich und frisch geerntet aus, was den Eindruck von biologischem Anbau vermittelt. Doch auch wenn es regional ist, bio ist es nicht.

Neben diesem Markt ist die Gemüsehändlerin mit ihrem Stand noch auf fünf anderen Wochenmärkten vertreten, schlechtes Wetter macht ihr nichts aus. „Man kann sich doch anziehen“, meint sie. Mit ihrem Einkommen ist sie zufrieden, doch von den Tagen am Maybachufer alleine, könnte sie nicht leben, sagt die kleine Frau mit den kurzen blondierten Haaren und dem abgewetzten, grünen T-Shirt.

„Der Markt unterscheidet sich schon sehr deutlich von den meisten anderen Märkten Berlins, durch die Mischung von Angebot und Kunden.“ meint Gabriele Gericke. Damit hat die fünfzigjährige Berlinerin es genau auf den Punkt getroffen, nirgendwo sonst findet man eine solche Vielfalt. Auf dem überwiegend türkischen Wochenmarkt ist beinahe alles erhältlich. Von frischem Gemüse und Obst über Fleisch, Fisch, Brot, Käse, Oliven, Linsen, Kichererbsen, eingelegten Weinblättern, Blumen, Taschen, kitschigen Klamotten, Schmuck, Stoffen, Haushaltswaren und Schuhen bis hin zu Schreibwaren und Haarbürsten. Die schrägsten Stände sind leicht zu übersehen und fallen erst beim zweiten Hingucken auf. Ein Mann, Mitte fünfzig, mit Brille, rabenschwarzem Haar und einem grün-weiß gestreiftem Polo-Shirt, verkauft zum Beispiel gebrauchtes Zahnarztbesteck. Zangen und Mundspiegel liegen äußerst sorgfältig aufgereiht auf einem blauen Tuch und werden zum Preis von zwei oder drei Euro angeboten.

Außerdem ist der Markt ein Paradies für Hobbyschneider – Stoffe in allen erdenklichen Farben und Mustern stapeln sich übereinander und verlocken mit ihren äußerst günstigen Preisen auch den einen oder anderen Laien zum Kauf. Auch aller Nähzubehör von Reißverschlüssen und Gummibändern bis hin zu Bordüren und Druckknöpfen ist hier erhältlich.

Eine kleine Frau mit leuchtenden Augen und kinnlangen Haaren bietet auf einem blauen Pappschild eine „Massage to go“ an. Sie ist um die vierzig und trägt blau schimmernde Ohrringe, die perfekt zu ihrem blauen Baumwoll-Shirt passen. Ihr Massagestuhl steht auf einer kleinen Terrasse mit direktem Blick auf den Landwehrkanal. In kleinen Grüppchen sitzen überwiegend junge Leute auf dem Boden und unterhalten sich, essen, trinken ein Bier oder genießen einfach die lockere Atmosphäre. Neben ihnen liegen weiße und orangene Plastiktüten mit der Ausbeute des Tages und ab und zu stellt sich ein Straßenmusiker dazu und klimpert ein wenig auf seiner Gitarre, in der Hoffnung auf etwas Kleingeld. Doch jetzt hört man nur den Singsang der Verkäufer: „Bittschön, bittschön. Drei Euro! Mango! Mango! Drei Euro!“. Anderswo mag es einem lästig vorkommen, doch hier gehört es dazu – wie die Kinder, die mit zerrissenen Klamotten und abgemagerten Gesichtern am Straßenrand kauern und bettelnd die Hände nach etwas Kleingeld ausstrecken.

Neben einem Crepe-Stand steht ein kleiner Anhänger mit einer orangenen Rundumleuchte. „Schlüsseldienst“ steht darauf und tatsächlich, innen hängen hunderte von Schlüsseln in allen verschiedenen Formen und Größen. Ein paar Schritte weiter lässt sich ein intensiver Geruch von Räucherstäbchen wahrnehmen, der von einem indischen Schmuckstand herüberweht. Es tröpfelt leicht, doch keinen scheint das hier zu stören, weder Händler noch Besucher des Marktes. Die Sinne sind zu sehr in Bann gezogen, von dem bunten, chaotischen Treiben, von dem Rufen der Verkäufer und den verschiedenen Gerüchen unterschiedlicher Kulturen.

Das Gemüse leuchtet förmlich und der Kontrast zwischen feuerrotem Chili und violetter Aubergine ist ein Genuss für die Augen. Überall werden Melonenstückchen zum Probieren angeboten. Und einen gewissen Reiz zum Kauf hat es schon, wenn man erst einmal den süßen, angenehm erfrischenden Geschmack einer reifen Honigmelone gekostet hat.

Im Vorbeigehen schnappt sich ein älterer Mann eine Erdbeere und sofort erwartet man Protest wegen des Diebstahls, doch nichts der Gleichen geschieht. Auch das, scheint hier üblich zu sein. Generell passiert hier dienstags und freitags zwischen Kottbusser Damm und Schinkestraße alles Pi mal Daumen. Stoffe werden nur ungefähr abgemessen und gerne wird dem Kunden ein kleiner Bonus gegeben. Auch bei den Lebensmitteln, die schon überwiegend günstiger als Discounterware sind, gibt es ab und an ein spontanes Angebot. Ob hier nach Sympathie oder Aussehen entschieden wird, ist nicht ganz klar, aber eigentlich auch nicht wichtig. Was zählt, ist das lockere und unbeschwerte Miteinander von Menschen unterschiedlicher Kulturen und Interessen.

Freie Waldorfschule Kreuzberg | Johanna Siebert | Klasse 10


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