Wenn wir sterben, dann alle zusammen
20.06.2011 in Uncategorized von JuS-Team
Interview: Berlin im Wandel – eine Zeitzeugin berichtet
Wir führten das Interview mit Sigrid Kutzner, die am 26.2.1934 geboren wurde und schon seit ihrer Geburt in Berlin lebt und uns über den zweiten Weltkrieg und die Berliner Mauer erzählte. Sie leben nun schon seit 76 Jahren in Berlin.
F: Was hat sich ihrer Ansicht nach am extremsten in dieser Stadt gewandelt?
A: Was mir als erstes einfällt ist, dass die Bevölkerung rapide angewachsen ist. In alten Zeiten gab es noch sehr wenig Ausländer, aber Anfang der 60er immigrierten viele Türken nach Berlin. Außerdem hatten der zweite Weltkrieg und seine vielen Bombenangriffe schreckliche Auswirkungen. Als dann der Krieg zu Ende war, war jeder für jeden da. Die Frauen mussten viel arbeiten, da die Männer noch in Kriegsgefangenschaft waren oder gefallen sind. Später kam dann das große Währungswunder, weil es zwei Währungen gab, einmal die Westmark und die Ostmark. Dies war noch bevor die Mauer gebaut wurde.
F: Wo haben sie während des Krieges gewohnt?
A: Ich habe zunächst in Weißensee gewohnt. Doch nach einiger Zeit zog ich an den Rand von Berlin auf einen Bauernhof.
F: Haben sie während des Krieges mit ihrer Familie zusammen gelebt?
A: Ja. ich habe mit meiner Oma und meiner Mama zusammen gelebt. Mein Vater wurde direkt am Anfang des Krieges zum Soldat berufen.
F: Wie erlebten sie die Bombenangriffe?
A: Am Anfang des Krieges waren die Bombenangriffe nur nachts, das hieß für uns, dass wir aufstehen und in den Keller gehen mussten. Das fanden wir Kinder jedoch zunächst sehr lustig, da ja nichts Schlimmes passierte und wir im Keller Schwarzer Peter gespielt haben und zusammen musiziert haben. Der Alarm dauerte oft bis Mitternacht an, was für uns bedeutete, dass wir am nächsten Morgen nicht in die Schule gehen mussten. Doch diese relativ „friedliche“ Zeit hielt nicht lange an. Jetzt waren die Bombenangriffe auch Tagsüber, und wenn die Bombe aufschlug, hörte es sich wie in einem Actionfilm an. Als man nach der Entwarnung wieder nach oben in die Wohnung kam, sah man die Bescherung. Alle Fensterscheiben und Regalinhalte waren wegen des Luftdrucks der Bomben herausgeflogen.
F: Wie sah es denn in diesem Keller aus?
A: Alle Mieter des Hauses saßen auf Bänken und Stühlen und wir hatten zur Beleuchtung nur eine Kerze.
F: Gab es im Keller bestimmte Sicherheitsvorkehrungen wegen der Bombenangriffe?
A: Ja, wir mussten alle eine Gasmaske, eine Schutzbrille und eine Tasche mit Verbandszeug bei uns tragen, für den Fall dass nach einem Bombenangriff Staub in den Keller gelangen sollte oder jemand verletzt wird.
F: Und warum zogen sie später an den Rand von Berlin?
A: Der Grund für den Umzug waren die immer schlimmer werdenden Bombenangriffe.
F: Gab es auf dem Land denn keine Bombenangriffe?
A: Nicht direkte Angriffe, aber oft Alarm. Immer wenn einer dieser Alarme war, sollten alle schnell in den Keller im Dorf gehen. Doch ich bin mit meinem Fahrrad durch die weiten Felder gefahren, was sehr gefährlich war, denn es war allgemein bekannt, dass die Piloten der Flieger die Bomben abwarfen sobald sie sahen, dass sich etwas am Boden bewegte. Und dann bin ich mit den Fliegern um die Wette gefahren, hab immer nach oben geschaut und bin schnell weiter gefahren. Plötzlich sah ich einen Nachzügler über mir, der ziemlich tief flog. Da sah ich, wie sich eine Klappe öffnete, also sprang ich sofort von meinem Fahrrad, denn es flog eine Bombe aus dem Flieger. Ich bekam einen riesigen Schrecken und legte mich ganz flach auf den Boden, so wie ich es gelernt hatte. Glücklicherweise war der Flieger ein gutes Stück von mir entfernt und ich hörte die Bombe nur pfeifen, wurde jedoch nicht verletzt. Anschließend stürzte ich mich auf mein Fahrrad und radelte so schnell wie möglich nach Hause und erzählte die ganze Geschichte meiner Oma.
F: Was war ihre schlimmste Erinnerung?
A: Die fand kurz vor dem Ende des Krieges statt. Meine Oma und ich sind dann wieder nach Berlin gegangen, weil meine Mutter dann gesagt hat: „Wenn wir sterben, dann alle zusammen.“ Ab dann saßen wir nur noch im Keller. Eines Tages hörten wir plötzlich im Hausflur Pferdegetrappel. Das waren die Russen, die mit ihren Pferdewagen durch den Eingang in den Hof gefahren sind. Da haben wir aber ganz schön Angst bekommen. Man konnte nichts sehen, der Keller war duster. Nun haben die Erwachsenen beraten, was wir jetzt machen sollten. Sie kamen zu dem Entschluss einen etwas älteren Herren nach draußen zu schicken, der sich ergeben sollte und sagen sollte, dass wir friedlich sind. Außerdem sollte er dem Kommandeur der Russen sagen, wo wir sind. So geschah es auch, und der Russe kam in unseren Keller. Als er in unsere Ecke kam, rief er: „Uhri, Uhri,“ hatte aber schon seinen ganzen Arm voller Armbanduhren, die er wahrscheinlich auf seiner Reise durch Deutschland alle geklaut hatte. Da aber keiner eine Uhr hatte, verlangte er den Ehering von meiner Mutter. Ich hatte meine Ohrringe an und der Russe wollte die natürlich haben, aber ich wollte die nicht weggeben. „Nein, “ hab ich gesagt, „Nein. “ Dann hat der mir die Ohrringe rausgerissen. Es tat fürchterlich weh und ich hab natürlich geweint und bin sehr doll wütend geworden, sodass ich ihn am liebsten erschlagen hätte.
F: Wurden die Häuser von ihren Nachbarn zerstört?
A: Ja, rundum war eigentlich viel kaputt. Unsere Nachbarhäuser wurden zerstört, dort steht Heutzutage nur noch ein halbes Haus.
F: In welchem Teil von Berlin haben sie nach dem Krieg gewohnt?
A: Zu dieser Zeit habe ich in Ostberlin gewohnt, doch 1956 bin ich nach Westberlin gezogen.
Wurden sie auch schon in früheren Zeiten, als die Mauer noch nicht erbaut war an der Grenze, kontrolliert?
Natürlich, aber mit der Zeit wurden die Kontrollen immer fieser und schärfer.
F: Wie haben sie den Mauerfall erlebt?
A: Am 12. August 1961 bin ich mit meinem Sohn in den Osten nach Weißensee gefahren und habe dort mein Kind vor meinen Verwandten vorgestellt. Gegen acht Uhr abends bekam ich dann ein mulmiges Gefühl, weil schon auf dem Hinweg die Soldaten so komisch an der Grenze standen und mit Steinen und Draht gearbeitet und abgezäunt haben, aber da sie damit fast immer zu tun hatten hab ich dem nicht sehr viel Gewicht beigemessen, aber anscheinend hat mein Bauchgefühl recht behalten. Ich fuhr dann mit der Straßenbahn nach Hause. Am nächsten Tag stand dann die Berliner Mauer.
F: Kannten sie Verwandte oder Bekannte, die aus dem Osten in den Westen geflüchtet sind?
A: Nein. Ich kenne nur Leute, die offiziell gewechselt sind. Meine Eltern sind 1968 ganz offiziell in den Westen gezogen, weil sie schon in Rente waren und die DDR die Rente nun nicht mehr bezahlen musste.
F: Hatten Sie auch in dieser Zeit ein schlimmstes Erlebnis?
A: Naja, also wir waren ja sozusagen eingemauert in Westberlin. Und wenn wir aus Berlin wollten, dann hieß es erst mal Kontrolle. Wenn man in den Urlaub gefahren ist, brauchte man einen Passierschein, den man von der Stasi bekam. Den brauchten aber hunderte von Autos und als man diesen dann endlich hatte, wurde immer ein Auto nach dem anderen durchgelassen. Wenn man dann endlich selber dort stand, war man umzingelt von Soldaten. Der eine fuhr mit einem Spiegel unters Auto, damit man darunter keine Leute mitschmuggelte. Der Tank wurde durchlöchert, falls dort jemand hockte. Sie haben das Auto auseinander genommen. Die ganze Aktion war ganz einfach anstrengend. Man fuhr danach ja ca. drei Stunden durch die „Zone“ im Osten und als man dann wieder über die Grenze musste, ging das ganze Theater wieder von vorne los. Man wurde wieder kontrolliert. Es waren nicht wirklich schlimme Erlebnisse, aber es waren nervige Erlebnisse. Nun war man im Urlaub und konnte den auch ein wenig genießen, aber dann wollte man ja wieder zurück nach Berlin und man musste wieder durch alle Grenzen durch.
F: Wenn es keine „schlimmen“ Erlebnisse gab, hatten sie noch andere besondere Erlebnisse?
A: Ja, natürlich. Es war so. Wir waren mit dem Johannischen Chor Berlin auf Konzerttournee in Amerika und wurden jeweils in eine Familie eingewiesen. In meiner Familie wurde ich gefragt, in welchem Meer ich denn wohne. Ich verstand das Ganze erst nicht, aber dann wurde mir klar, dass die Leute im Ausland von der „Insel“ Westberlin sprachen und so dachten, dass wir auf einer Insel im Meer leben.
F: Haben Sie während der Teilung Deutschlands in der DDR Urlaub gemacht?
A: Ja. Ich war auch in der DDR. Da bekamen wir auch einen Passierschein und dann bin ich mit meinen zwei Söhnen in die DDR zu meinen Eltern gefahren. Natürlich wurde man auch jedes Mal kontrolliert und das war grauenvoll und vor Allem anstrengend. Einmal haben sie meinen Mann in ein kleines Häuschen geholt und wollten ihn als Spitzel für die DDR gewinnen. Da ich mit meinen beiden Kindern da stand und fast erfror, bin ich in das Häuschen gegangen und habe gefragt, wie lange es noch dauert ,da ich und meine Kinder draußen erfrieren würden.
F: Was für einen Eindruck hatten sie von der DDR als sie da waren?
A: Es ging den Leuten eigentlich gar nicht so furchtbar schlecht. Sie hatten alles zu Essen, es war alles billiger, als bei uns im Westen. Was ihnen fehlte, war die Auswahl, die wir hatten. Wir hatten ja sozusagen alles. Das haben die DDR-Bürger dann natürlich im Fernsehen gesehen und dachten, der Westen sei das Schlaraffenland. Dass wir aber gar nicht so viel Geld hatten, um uns das alles zu kaufen, haben sie natürlich nicht mitbedacht. Eigentlich haben sie von uns ein bisschen erwartet, dass wir sie durchfüttern mit den westlichen Spezialitäten.
F: Wie haben sie den Mauerfall am 9.11.89 erlebt?
A: Das war am Geburtstag meines Sohnes. Er wohnte auch bei uns im Haus in Berli-Halensee. Als ich dann in meiner Wohnung war, habe ich das kalte Buffet vorbereitet und auf einmal geht die Tür auf und mein Sohn kommt mit einer Masse von jungen Leuten, die er alle zu seiner Geburtstagsfeier mitgebracht hat, rein und sagt: „Die Mauer ist gefallen!“. Sie kamen gerade von der Chorprobe und ich stand da und war völlig neben der Sache, aber die Jugendlichen freuten sich alle und riefen, dass sie heute noch zur Grenze hingehen würden. Mein Sohn war also auch einer der ersten, der mit am Brandenburger Tor war und den Fall miterlebt hat.
F: Wann sind sie das erste Mal nach dem Mauerfall nach Ostberlin gefahren?
A: Ich bin direkt am nächsten Tag mit der S- Bahn gefahren und wollte wissen, wie weit ich komme. Ich bin am Bahnhof Zoo eingestiegen und kam bis zu Alexander Platz, wo dann merkwürdigerweise schon wieder eine Kontrolle stattfand. Nun wollte ich mit der Straßenbahn bis Weißensee fahren, so wie ich es früher immer gemacht habe. Leider gab es am Alexanderplatz keine Straßenbahn mehr. Zu diesem Zeitpunkt ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, wie lange Deutschland bzw. Berlin geteilt war.
F: Welche Gedanken gingen ihnen durch den Kopf, als sie die ganzen Berichte von dem Mauerfall gesehen bzw. gelesen haben?
A: Es war einfach ein Zusammenwachsgefühl. Irgendwo fühlte ich auch ein Dankbarkeitsgefühl dafür, dass die Mauer gefallen ist, und nicht stehen geblieben ist. Ich bin sehr froh darüber, dass der Stand der Dinge so ist, wie er ist und ich hoffe er wird auch noch viele Jahre so friedlich in Deutschland anhalten.
F: Was ist für sie persönlich ihr schönster Moment in Berlins Geschichte?
A: Mein persönlich schönster Moment, war, als ich mit meinem Mann in einem alten Berliner Taxi zur Hochzeit von Berlin- Weißensee durch das Brandenburger Tor bis nach Berlin- Grunewald gefahren bin.
Vielen Dank für das Interview!
Marie-Curie-Oberschule | Jenny Eis und Julius Adolph | Klasse 8c

