Ist Sport Mord?
30.06.2010 in Beiträge Schuljahr 2009/2010 von JuS-Team
Millionen Deutsche sitzen abends vor dem Fernseher, um sich die wichtigsten Geschehnisse des Tages in der „Tagesschau“ erklären zu lassen. Da wundert es kaum, dass sich Sprecher und Moderatoren fast täglich auf dem ersten Platz des Quotenspiegels wiederfinden. Wenn nicht mal wieder ein sportliches Großereignis ansteht. Denn dann müssen sich „Tagesschau“ und „heute“ mit einem verkürzten Sendeplatz zwischen den Wettkämpfen begnügen.
Die Deutschen sind verrückt nach Sport. Im Sommer werden die Olympischen Sommer-, im Winter die Olympischen Winterspiele geschaut, zwischendurch die Handball-WM, Boxen und Formel 1 und natürlich Fußball, Fußball, Fußball. Häufig schalten Zuschauer den Fernseher aber nicht ein, weil sie sich für die gezeigte Sportart interessieren sondern aus Sensationsgier. Sie wollen Unfälle, schwere Stürze oder sportliche Niederlagen live und in Farbe miterleben. Bei diesen Menschen gilt offenbar das Motto: „Egal was läuft, Hauptsache es kracht!“
Viele der Sportler bereiten sich oft mehrere Jahre auf die Olympischen Spiele vor, um dann beispielsweise im entscheidenden Ski-Alpin Lauf durch einen schweren Sturz auszuscheiden. Für die Sportler ein Albtraum, für Sensationshungrige ein Nervenkitzel. Natürlich, fast alle Menschen bedauern die durch Verletzungen ausgeschiedenen Sportler, doch während des Sturzes haben viele Zuschauer das Gefühl etwas Besonderes zu erleben.
Die Ursache der vielen Verletzungen liegt oft bei den Verantwortlichen. Funktionäre, Trainer und Architekten wollen immer das beste Stadion, die schnellste Piste, die schwierigste Eisrinne und die beste Halle. Häufig gilt, alles Bisherige zu Toppen.
Das ist schon so manchem Sportler zum Verhängnis geworden wie in diesem Jahr dem georgischen Rennrodler Nodar Kumaritaschwili bei den Olympischen Winterspielen in Vancouver. In der bisher schnellsten Eisrinne der Welt in Whistler stürzte er im letzten Trainings-Lauf so schwer, dass er an den Folgen des Unfalls im Krankenhaus starb.
Über die Gefahren des Sportes und ob man schwere Stürze im Fernsehen verpixeln sollte, gibt der leidenschaftliche Sportsendung-Zuschauer Wilfried Seiring und ehemalige Leiter des Berliner Landschulamtes im folgenden Gespräch Auskunft.
Julius Geiler: Herr Seiring, wie oft schalten Sie den Fernseher in der Woche wegen eines Sportereignisses an?
Wilfried Seiring: Im Durchschnitt drei Mal.
Julius Geiler: Was wird denn dann geschaut?
Wilfried Seiring: Beim Fußball die Länderspiele und größere Ereignisse. Im Handball die Welt- und Europameisterschaften. Außerdem sehe ich natürlich die Olympischen Spiele und Leichtathletik-Wettkämpfe.
Julius Geiler: Was interessiert Sie an diesen Sportarten besonders?
Wilfried Seiring: Zum einen mag ich Mannschaftssportarten. Außerdem interessieren mich Sportarten, die technisches Können verlangen, vielleicht auch, weil sie mich an meine eigenen früheren sportlichen Betätigungen erinnern.
Julius Geiler: Schwere Unfälle im Sport sind leider keine Seltenheit mehr, wie nehmen sie solche Unglücke wahr?
Wilfried Seiring: Ich glaube, dass diese Unfälle durch zu hohe Anforderungen im Profisport geschehen. Das bedauere ich sehr. Der Profisport wird oft für wirtschaftliche Zwecke und zur Befriedigung der Sensationslust missbraucht.
Julius Geiler: Was für eine Empfindung herrscht bei Ihnen, wenn Sie so ein Unfall live im Fernsehen miterleben?
Wilfried Seiring: Natürlich fühle ich mit denjenigen, die ausscheiden. Aber ich sehe mich auch bestätigt: Breitensport sollte stärker propagiert werden.
Julius Geiler: Also sind Sie eher der leidende, nicht der sensationsgierige Zuschauer?
Wilfried Seiring: Ja, so würde ich es sehen.
Julius Geiler: Schwere Unglücke werden oft mehrmals im Fernsehen gezeigt; Unfälle zu verpixeln, bringt das Ihrer Meinung nach etwas?
Wilfried Seiring: Zur Dokumentation genügt es wohl, einen Unfall einmal zu zeigen, danach genügen Wortberichte.
Julius Geiler: Ab wann würden Sie etwas nicht mehr als „Sport“ bezeichnen?
Wilfried Seiring: Eine Grenze ist sehr schwer zu ziehen. Wenn es niedere Instinkte weckt – wie zum Beispiel catchen – oder der Sensationslust des Zuschauers dient – wenn beispielsweise ein Motorrad über acht Autos springt.
Julius Geiler: Am 12.Februar 2010 kam der georgische Rennrodler Nodar Kumaritaschwilli bei den Olympischen Winterspielen in Kanada im letzten Trainingslauf vor dem Wettkampf um. Auch nach seinem Tod stürzten überdurchschnittlich viele Rodler und Bobfahrer in der betreffenden Bahn. Wie hätte man das alles verhindern können?
Wilfried Seiring: Man hätte die Piste kürzen und entschärfen müssen. Es kann nicht Sinn eines sportlichen Wettkampfs sein, den Tod eines Teilnehmers in Kauf zu nehmen.
Grundschule am Kollwitzplatz | Julius Geiler | Klasse 6c

